Fahrzeug


Nach der Veröffentlichung meines Buches The Coachwork of Erdmann & Rossi (1979) meldeten sich in den Folgejahren zahlreiche Besitzer von Erdmann & Rossi-Fahrzeugen mit Fragen und Bildwünschen. Mitte der 1980er Jahre kontaktierte mich ein Amerikaner, Besitzer eines 1937er Bentley Sedanca Coupé. Aus meinem Archiv stammte das originale Handbuch zu seinem Wagen, das ich ihm schenkte – unter der Bedingung, dass er mir bei der Suche nach einem zum Verkauf stehenden Erdmann & Rossi-Fahrzeug behilflich sei. Kurz darauf vermittelte er mir den Kontakt zu Herbert Dorner in Chicago, der bereit war, seinen zweitürigen Bentley 4¼ Litre Cabriolet zu verkaufen.
Ich reiste in die USA, besichtigte den Wagen (Chassis B58 LS, Motor A5 BM) und erwarb ihn. Die Lufthansa überführte das Fahrzeug nach Frankfurt, von dort gelangte es per Lastwagen nach Berlin.
Der Erstbesitzer war Freiherr Harold von Oppenheim, Sohn des Bankiers Simon Alfred von Oppenheim. Er bestellte das 4-sitzige Sport-Cabriolet im April 1938 bei Erdmann & Rossi (Kommissionskarte Nr. 3118) in den Oppenheimschen Hausfarben Dunkelblau und Rot. Bereits auf seiner ersten Fahrt an die Côte d’Azur stellte sich eine Überhitzung der Hinterradbremsen heraus, weshalb die Karosseriefirma die hinteren Radverkleidungen entfernte.
Harold von Oppenheim war promovierter Jurist und zugleich erfolgreicher Tenor. Er trat an der Berliner Staatsoper sowie in Italien und Frankreich auf und hinterließ zahlreiche Schallplattenaufnahmen. Während der NS-Zeit blieb er trotz seiner jüdischen Herkunft verschont, stand jedoch unter Beobachtung der Reichskulturkammer. Im August 1939 floh er mit seinem Bentley nach Le Havre und erreichte mit dem letzten Schiff vor Kriegsausbruch New York.
In Amerika nannte er sich Harry Hartwell, führte den Nachtclub Chez Harry in New York, verbrachte den Krieg teils in Mexiko und kehrte 1951 nach Deutschland zurück. 1956 heiratete er Christa von Nell. Er starb 1961 in Berlin im Restaurant Ritz, 69-jährig.
Nach seiner Zeit in den USA wurde der Bentley 1962 von G. F. Cronkhite, Vice-Chairman des Rolls-Royce Owners Club of Southern California, erworben. Er ließ bei Erdmann & Rossi Ersatzteile und Embleme anfertigen und berichtete, dass der Wagen sogar in einem Tony-Curtis-Film in Hollywood verwendet wurde. Später gelangte das Auto an den Bäckermeister Herbert Dorner in Chicago.
1988 kam der Bentley nach Deutschland zurück. Ich überholte Bremsen, Federung und Auspuffanlage, montierte ein originales Telefunken-Radio und plante die Wiederherstellung in den ursprünglichen Farben – dunkelblau außen, rotes Leder und Wollstoff innen.
Seitdem nimmt der Wagen regelmäßig an Berliner Veteranenfahrzeug-Veranstaltungen teil – ein eindrucksvolles Zeugnis deutscher Karosseriekunst und bewegter Geschichte.

Fahrzeugdaten


Baujahr: 1938
Motor: 4257 cc, 6 Zylinders
Leistung: 110 PS

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